“STEP OUT OF THE GRAY ZONE” – 10 Fragen an SXTech Gründerin Ola
SXTech EU bringt Technologie, Politik, Kultur und Innovation in der Adult Industry zusammen. Für die erste Ausgabe von „10 Fragen an…“ habe ich mit Ola, der Gründerin von SXTech, über Ethik, Zensur, Monopolisierung und darüber gesprochen, was es braucht, damit unsere Branche ihr volles Potenzial entfalten kann.
Mit ihrer pragmatischen und zugleich feinfühligen Haltung – und ihrem klaren Blick auf die strukturellen Herausforderungen, die unsere Branche ausmachen – kann ich mich als Gründerin einer sex-positiven Escort-Agentur stark identifizieren.
Marie
Gründerin von Moonlight Society
SXTech Conference Berlin 2025, Photo: Michal Algebra
1 – Marie: SXTech ist längst mehr als nur eine Konferenz – es ist ein Netzwerk für Visionär:innen, Gründer:innen und Kreative aus der ganzen Welt geworden. Was war deine ursprüngliche Vision – und wie hat sie sich im Laufe der Zeit entwickelt?
Ola: Von Anfang an war SX Tech Europe als Business- und Networking-Plattform gedacht, die verschiedene Bereiche der Branche miteinander verbindet. Wir haben mit jährlichen Konferenzen begonnen, dann die Berliner Sex-Tech-Meetup-Szene aufgebaut und eine globale Online-Community für Fachleute geschaffen, die in diesem Bereich arbeiten oder einsteigen wollen. 2023 haben wir zusätzlich unsere Digital-Marketing-Agentur SXPR gegründet.
Da wir selbst aus der Tech-Welt kommen, haben wir schnell gesehen, wie unterentwickelt und übersehen der sogenannte „Adult“-Sektor war. Sextech operiert technologisch auf dem gleichen Niveau wie Mainstream-Tech – es fehlte jedoch ein modernes, zukunftsorientiertes Ökosystem. Wir wollten eine Bewegung aufbauen – eine neue Generation von Gründer:innen stärken, insbesondere Frauen, und frische Energie in eine Branche bringen, der es dringend an Sichtbarkeit fehlte.
„Wir wollten eine Bewegung aufbauen – eine neue Generation von Gründer:innen stärken, insbesondere Frauen, und frische Energie in eine Branche bringen, der es dringend an Sichtbarkeit fehlt.“
2 – SXTech bewegt sich an der Schnittstelle von Intimität, Ethik, Technologie und Business. Welche Herausforderungen entstehen in diesem Spannungsfeld?
Die Adult Industry gehört weltweit zu den am stärksten regulierten und eingeschränkten Wirtschaftszweigen. Wir erleben finanzielle Diskriminierung, digitale Zensur und uneinheitliche rechtliche Rahmenbedingungen. Das betrifft nicht nur Unternehmen, sondern wirft auch grundlegende ethische Fragen auf – etwa zu Datenschutz, Nutzerrechten und den Rechten von Sexarbeiter:innen. Dieser Bereich ist zutiefst politisch. Genau diese Komplexität macht ihn für mich spannend. Innovation entsteht dort, wo man innerhalb restriktiver Strukturen Lösungen entwickelt.
3 – In Europa erleben wir gleichzeitig mehr Offenheit und mehr Gegenwind. Wie schätzt du das aktuelle gesellschaftliche Klima ein?
Die Branche spiegelt die politischen Entwicklungen wider, insbesondere innerhalb der EU, wo konservative Tendenzen zunehmen. Zensur ist häufig politisch motiviert. Banken und Zahlungsdienstleister schränken Transaktionen im Adult-Bereich regelmäßig ein. Besonders problematisch ist die zunehmende Monopolisierung. Große Plattformen überstehen regulatorischen Druck – kleinere und mittelständische Akteure verschwinden. Zensur zeigt sich nicht immer in direkten Verboten, sondern oft in strukturellem Ausschluss. Wäre die Branche stärker organisiert, kooperativer und institutionell besser vertreten, könnte sie nachhaltiger und produktiver arbeiten.
„Die Adult Industry gehört weltweit zu den am stärksten eingeschränkten Wirtschaftszweigen. Wir erleben finanzielle Diskriminierung, digitale Zensur und uneinheitliche rechtliche Rahmenbedingungen. Innovation entsteht dort, wo man innerhalb restriktiver Strukturen Lösungen entwickelt.“
4 – Wie bewahrst du das Ethos von SXTech in einer Branche, die schnell rein kommerziell werden kann?
Kommerzielles Wachstum ist nicht per se negativ. Mehr Sichtbarkeit bringt Investitionen und Legitimität. Das Problem ist nicht Kommerzialisierung – sondern Verantwortung. Private Tech-Unternehmen müssen keine Aktivist:innen sein. Aber sie sollten reguliert, transparent und gesellschaftlich verantwortlich handeln. Genau dort treffen sich Business und Ethik.
5 – Was bedeutet „Sextech“ für dich jenseits von Produkten?
Der Begriff ist zu eng geworden. Deshalb haben wir das Branding von „Sextech Conference“ zu SX Festival und SX Expo weiterentwickelt. Technologie ist die Grundlage jedes Bereichs der Adult Industry – vom E-Commerce über Content-Plattformen bis hin zu digitalen Communities. Aber der Adult Space ist weit mehr: ein globales Ökosystem rund um Lust, Intimität, Kink und sexuelle Wellness. Es ist einer der am schnellsten wachsenden Sektoren der modernen Wirtschaft.
„Kommerzielles Wachstum ist nicht per se negativ. Mehr Sichtbarkeit bringt Investitionen und Legitimität. Das Problem ist nicht Kommerzialisierung – sondern Verantwortung.“
6 – Deine Arbeit verbindet Aktivismus, Unternehmertum, Wissenschaft und Kunst. Was inspiriert dich am meisten?
Ich bezeichne mich nicht als Aktivistin – ich arbeite kommerziell und transparent. In den letzten zehn Jahren habe ich mit über 150 Unternehmen im Bereich Adult Tech zusammengearbeitet. Wissenschaft ist essenziell, weil Daten, Forschung und belastbare Konzepte Glaubwürdigkeit schaffen. Kunst wirkt als verbindendes Element – sie übersetzt komplexe Themen in Erfahrungen, die Menschen emotional nachvollziehen können.
7 – Welche strukturellen Veränderungen braucht es, damit mehr marginalisierte Gründer:innen erfolgreich sein können?
Es fehlt an Business-Ausbildung und Accelerator-Programmen, die speziell auf diese Branche zugeschnitten sind. In der Mainstream-Tech-Welt existieren solche Strukturen – in der Adult Tech nicht. Fortschritt muss aus der Branche selbst kommen. Große Plattformen sollten wieder stärker in das Ökosystem investieren. Derzeit dominieren kommerzielle Logiken Plattformdesign und Werbeökonomie. Das eigentliche Problem ist nicht mangelnde Vision, sondern fehlender systemischer Zugang.
„Es fehlt an Business-Ausbildung und Accelerator-Programmen, die speziell auf diese Branche zugeschnitten sind. In der Mainstream-Tech-Welt existieren solche Strukturen – in der Adult Tech nicht.“
8 – Wo siehst du die größten Chancen und Risiken darin, wie Technologie Intimität verändert?
Die Creator Economy und KI-gestützte Tools sind derzeit die dynamischsten Entwicklungen. Das größte Risiko liegt in überhasteter, unzureichend getesteter Regulierung – insbesondere bei Altersverifikationssystemen, die biometrische Daten verlangen. Zentralisierte Datenbanken, die sexuelle Präferenzen mit Identitäten verknüpfen, bergen erhebliche Datenschutzrisiken. Große Konzerne können Compliance finanzieren – unabhängige Plattformen oft nicht. Das beschleunigt die Monopolisierung weiter.
SXTech Conference Berlin 2025, Photo: Michal Algebra
9 – Was muss sich strukturell verändern, damit diese Branche ernst genommen wird?
Echte Wirkung entsteht dann, wenn Regulierung und politische Entscheidungen beeinflusst werden. Genau deshalb haben wir das Vice Policy Digital Forum ins Leben gerufen – um Entwickler:innen, Gründer:innen, Sexarbeiter:innen, NGOs und politische Entscheidungsträger:innen in einem Raum zusammenzubringen. Branchenveranstaltungen sollten weniger auf Inszenierung und mehr auf Transparenz und Zusammenarbeit setzen. Wenn die Adult Industry ernst genommen werden will, braucht sie formelle Institutionen und eine gemeinsame, starke Vertretung.
„Echte Wirkung entsteht dann, wenn Regulierung und politische Entscheidungen beeinflusst werden. Wenn die Adult Industry ernst genommen werden will, braucht sie formelle Institutionen und eine gemeinsame Vertretung.“
10 – Wenn du dir etwas für die Zukunft der Adult-Tech-Branche wünschen könntest – was wäre das?
Ich würde mir wünschen, dass große Adult-Tech-Unternehmen endlich wieder in das Ökosystem investieren – in Start-ups, Gründerinnen, Creator und queere Communities. In der Mainstream-Tech-Welt ist das selbstverständlich. In unserer Branche ist es eher die Ausnahme. Der Adult Space muss aus der Grauzone heraustreten und beginnen, sich wie das Tech-Ökosystem zu verhalten, das er längst ist.
Sehen wir dich bei der nächsten Ausgabe der SXFestival Expo 2026 in Berlin?
Photo: Michal Algebra
Gespräche über Monopolisierung, Zensur und Verantwortung enden nicht hier. Sie werden auf der SXFestival Expo 2026 in Berlin weitergeführt – dort, wo Gründer:innen, politische Entscheidungsträger:innen und Creator tatsächlich im selben Raum zusammenkommen.